Der Kinder-Zukunfts-Rat in der Gemeinde Moritzburg war ein Beteiligungsprozess, in dem Grundschulkinder aktiv an kommunalen Entwicklungsfragen beteiligt wurden. Das Projekt wurde 2024/2025 im Rahmen des Modellvorhabens „Bürger*innenrat mit Kindern“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) umgesetzt und überträgt das Format eines Bürger*innenrates erstmals auf Kinder der 3. und 4. Klassenstufe.
Der Prozess erfolgte in enger Zusammenarbeit der DKJS mit Bürgermeister, Verwaltung und Horten. Gemeinsam wurde das Thema „Sport und Bewegung in Moritzburg“ ausgewählt. Es besitzt einen direkten Bezug zur Lebenswelt der Kinder und war zugleich an die laufende kommunale Sportstättenentwicklungsplanung angebunden, wodurch die politische Anschlussfähigkeit der Ergebnisse sichergestellt wurde.
Die Auswahl der Kinder orientierte sich am Prinzip klassischer Bürgerinnenräte und erfolgte über ein anonymisiertes Losverfahren. Aus den Horten zweier Grundschulen wurden 19 Kinder unterschiedlicher Klassenstufen und Geschlechter ausgelost. Als „Zukunftsforscherinnen“ begaben sich die Kinder in acht Sitzungen symbolisch auf Zeitreise in das Moritzburg der Zukunft. Mit einem „Pass durch die Zeit“, Tagebüchern und einer begehbaren Gemeindekarte entstand ein geschützter Raum für Fantasie, Mitbestimmung und Diskussion. Die Kinder führten Ortsbegehungen durch, dokumentierten Mängel fotografisch und diskutierten mit Expert*innen aus Politik, Schule und Sportvereinen über Nutzung und Zukunft der Anlagen. Alle Empfehlungen wurden gemeinsam erarbeitet und diskutiert sowie in einem kindgerechten Abstimmungsverfahren mit Tischtennisbällen beschlossen.
Den Abschluss bildete eine öffentliche Übergabeveranstaltung mit rund 80 Gästen. Die Kinder übergaben ihre zehn Empfehlungen persönlich an Politik und Verwaltung. Sie forderten unter anderem sichere und ganzjährig nutzbare Sportplätze, bessere Ausstattung, öffentliche Zugänglichkeit sowie mehr Mitbestimmung von Kindern bei zukünftigen Planungen.
So haben wir die 10 Grundsätze Guter Beteiligung umgesetzt:
1. Die Bereitschaft zum Dialog:
Im Prozess waren alle Beteiligten durchgehend dialogorientiert eingebunden. Zu Beginn wurden das Thema des Rates und die Rahmenbedingungen abgestimmt sowie Erwartungen und Handlungsspielräume geklärt. Kontinuierlich erfolgten durch Abstimmungen bedarfsgerechte Anpassungen des Konzeptes. Zum Beispiel brachten die Hortpädagog*innen als zentrale Schnittstelle praktische Hinweise zur Ansprache der Kinder und Eltern und zur Organisation der Sitzungen ein. In den Sitzungen bildeten gemeinsam erarbeitete Gruppenregeln die Grundlage für einen respektvollen Austausch und die sachliche Einbindung unterschiedlicher Perspektiven. Zentral war der Austausch zwischen Kindern sowie Bürgermeister, Sportlehrkräften und Sportvereinen, wobei kindliche Perspektiven ernsthaft aufgenommen und die realen Rahmenbedingungen kommunaler Planung transparent erläutert wurden. Es folgten Abschlussgespräche mit Kindern, Horten sowie Politik und Verwaltung, in denen der Prozess gemeinsam reflektiert wurde.
2. Die Themen, die Akteur*innen und die Rahmenbedingungen:
Der Beteiligungsgegenstand wurde gemeinsam mit Politik und Verwaltung erarbeitet und in Bezug zur laufenden kommunalen Sportstättenplanung gesetzt. Dadurch wurde sichergestellt, dass das Thema sowohl eine hohe Lebensweltrelevanz für Kinder als auch eine direkte Anschlussfähigkeit an bestehende kommunale Planungsprozesse besitzt. Es wurden mit dem Bürgermeister sowie mit den Kindern zentrale Akteur*innen sowie relevante Sport-Orte identifiziert und gemeinsam entschieden, welche Expert*innen neue Impulse einbringen und welche Sportstätten untersucht werden sollen. Die kindgerechten Sitzungen hatten wiederkehrende feste Abläufe und orientierten sich am Schulrhythmus. Die Rahmenbedingungen wie Transport, Betreuung, Räume und Zeitfenster wurden frühzeitig mit den Horten abgestimmt, wodurch eine realistische und umsetzbare Ausgestaltung gewährleistet war. Die Eltern der teilnehmenden Kinder wurden kontinuierlich über den Prozess informiert.
3. Klare Ziele und Mitgestaltungsmöglichkeiten:
Ziel des Vorhabens war es u. a., zu prüfen, ob und wie sich das Format eines Bürgerinnenrates auf Kinder übertragen lässt. Durch den modellhaften Charakter blieb der Prozess offen für Rückmeldungen und Anpassungen. Die Beteiligten konnten Einschätzungen einbringen und mitgestalten. Erkenntnisse aus den Sitzungen, Hinweise der Horte sowie der Kinder flossen fortlaufend ein. Den Kindern wurde ein konkreter kommunaler Auftrag übergeben: Es wurde vermittelt, dass die Ergebnisse in die Sportstättenplanung einfließen sollen und eine Beratung in den Gremien stattfindet. Es wurde transparent gemacht, welche Einflussmöglichkeiten bestehen und welche Entscheidungen aufgrund finanzieller, organisatorischer oder rechtlicher Rahmenbedingungen nicht unmittelbar durch das Projekt getroffen werden können. Die realen Mitgestaltungsmöglichkeiten der Kinder bestanden darin, die Orte für Begehungen zu bestimmen, eigene Fragestellungen für Expertinnen sowie ihre Forderungen für die Gemeinde zu entwickeln.
4. Frühzeitig beginnen und alle verpflichten:
Bereits vor Start des Kinder-Zukunfts-Rates wurden Bürgermeister, Verwaltung und Horte in die Themenwahl und Prozessgestaltung einbezogen. Das Thema wurde bewusst mit der parallel laufenden Sportstättenplanung verknüpft, sodass die Kinder ihre Perspektiven zu einem Zeitpunkt einbringen konnten, an dem noch Gestaltungsspielräume bestanden. Der Rat knüpfte an eine bereits gestartete erwachsene Arbeitsgruppe mit regionalen Sportvereinen zur Sportstättenentwicklung an. Die Ergebnisse wurden nicht isoliert behandelt, sondern offiziell an Bürgermeister und Verwaltung übergeben, dem Gemeinderat und den Ortschaftsräten vorgelegt und sollen nach der Beratung in das kommunale Sportstättenkonzept einfließen. Eine Rückmeldung zur weiteren Umsetzung an die Kinder soll erfolgen.
5. Ausreichende Ressourcen:
Die Koordination und Durchführung des Vorhabens erfolgte durch die DKJS in enger Zusammenarbeit mit den kommunalen Akteur*innen; zusätzlich gab es eine externe Moderation. Die Laufzeit des Gesamtvorhabens erstreckte sich von Januar 2024 bis Dezember 2025, wodurch ausreichend Zeit für Konzeptentwicklung, Abstimmung, Umsetzung und Auswertung vorhanden war. Die eigentlichen Sitzungen fanden von Dezember 2024 bis April 2025 statt und waren in den Hortalltag integriert. Wesentliche Ressourcen wurden durch die Kommune bereitgestellt: Der Bürgermeister und die Verwaltung stellten Zugänge zu Fachleuten her und verankerten das Thema in laufenden Planungsprozessen. Die Horte leisteten einen zentralen Beitrag durch organisatorische Unterstützung im Alltag der Kinder (insbesondere Kommunikation mit Eltern, Betreuung, Logistik wie Abholung/Rücktransport). Ergänzend wurde die kommunale Infrastruktur genutzt, darunter Räume für Sitzungen und ein Gemeinde-Café für das Catering.
6. Vielfältige Mitwirkung:
Die Auswahl der Kinder erfolgte zufallsbasiert durch ein Losverfahren, das unabhängig von individuellen Interessen oder Vorerfahrungen allen Kindern einer Altersgruppe die gleiche Chance auf Teilnahme bietet. Es wurden nicht nur besonders engagierte oder privilegierte Kinder berücksichtigt, sondern auch jene, die sonst selten in Beteiligungsformaten vertreten sind. Um auch weniger leicht erreichbare Kinder zu beteiligen, erfolgte die Ansprache über die Horte als vertraute Institutionen. Durch eine Gewichtung im Losverfahren waren unterschiedliche Ortsteile, Geschlechter und Klassenstufen vertreten. In den Sitzungen wurden unterschiedliche Perspektiven durch Kleingruppenarbeit sichtbar gemacht. Die Moderation achtete darauf, dass Beiträge gleichberechtigt eingebracht und diskutiert wurden. Die Arbeitsweise sowie das Abstimmungsverfahren stellten sicher, dass Entscheidungen nicht von Einzelnen dominiert wurden, sondern als Ergebnis der Gruppe entstanden.
7. Gemeinsame Verständigung auf Verfahrensregeln:
Es erfolgten Abstimmungen mit den kommunalen Akteur*innen (Bürgermeister, Verwaltung, Horte) in der Vorbereitungsphase, in der Zielsetzung, Thema, Rollen, organisatorischer Rahmen, Zeitstruktur sowie der Umgang mit Ergebnissen festgelegt wurden (diese wurden nach Bedarf später angepasst). Anschließend wurden diese Rahmenbedingungen in den ersten Treffen mit den Kindern transparent vermittelt und gemeinsam konkretisiert. Die Kinder entwickelten eigene Gruppen- und Gesprächsregeln (z. B. respektvolles Zuhören, Ausreden lassen, gemeinsame Entscheidungsfindung), die für alle weiteren Sitzungen verbindlich waren. Der Prozess war klar strukturiert mit wiederkehrenden Sitzungsabläufen, fester Moderation durch das Projektteam sowie definierten Kommunikationswegen zwischen Kindern, Horten und Kommune. Der Umgang mit Ergebnissen war vorab festgelegt: Die entwickelten Empfehlungen wurden systematisch gesammelt und im Abschlussformat öffentlich übergeben.
8. Sorgfältige und kompetente Prozessgestaltung:
Die Prozessgestaltung erfolgte durch die DKJS, die die Moderation, Koordination und methodische Durchführung über den gesamten Zeitraum verantwortete. Es wurden zielgruppengerechte Methoden gewählt: zentrale Elemente waren das Zeitreise-Setting als motivierender Rahmen, die begehbare Gemeindekarte als Arbeitsinstrument, systematische Ortsbegehungen mit Steckbriefen und Polaroidkameras, Expertinnengespräche sowie strukturierte Gruppenarbeitsphasen und ein kindgerechtes Abstimmungsverfahren mit Tischtennisbällen. Der Prozess wurde flexibel an die Bedürfnisse der Kinder und die Rahmenbedingungen angepasst (z. B. mobile Sitzungsformate auf den Sportplätzen). Die Koordination umfasste zudem die Organisation von Räumen, Transport der Kinder mittels Fahrdienst, Verpflegung, Dokumentation sowie die Abstimmung zwischen kommunalen Akteurinnen.
9. Transparenz und verlässlicher Informationsaustausch:
Das Projektteam erhielt wichtige Einblicke in kommunale Strukturen, laufende Planungsprozesse und organisatorische Rahmenbedingungen, die unmittelbar in Konzept und Ausgestaltung einflossen. Der Austausch mit kommunalen Akteur*innen erfolgte sowohl in persönlichen Abstimmungen als auch per E-Mail, wodurch Fragen fortlaufend geklärt werden konnten. Im Prozess mit den Kindern wurden Informationen zielgruppengerecht aufbereitet (visuelle und kindgerechte Dokumentationsformen, strukturierte Rückmeldungen zu Zwischenergebnissen). Die Kinder erhielten Einblicke in kommunale Entscheidungswege und in die Sportstättenplanung direkt in den Sitzungen sowie ergänzend über Briefe, Einladungen und kindgerecht aufbereitete Materialien. Die Eltern wurden regelmäßig per E-Mail über Termine, Inhalte und Zwischenergebnisse informiert.
10. Lernen aus Erfahrung:
Das modellhafte Projekt ermöglichte eine kontinuierliche Reflexion und Weiterentwicklung. Während der gesamten Laufzeit fanden Abstimmungen zwischen Projektteam, Bürgermeister, Verwaltung und Horten statt, in denen Erfahrungen ausgewertet und organisatorische sowie methodische Anpassungen vorgenommen wurden. Die Kinder gaben regelmäßig Rückmeldungen zu Ablauf und Themen; das Projektteam wertete diese aus und verwertete sie für die nächsten Sitzungen. Es gab eine kontinuierliche Dokumentation des Gesamtprozesses durch Protokolle, fotografische Dokumentation und Abschlussgespräche. Die Erfahrungen wurden im Abschlussbericht systematisch ausgewertet, um Erkenntnisse für zukünftige Beteiligungsprozesse und die Übertragbarkeit des Formats auf andere Kommunen nutzbar zu machen.
Angaben zu Mitwirkenden
(Dienstleister, Moderation, Planungsbüros, Partner…)
- Konzeption und Umsetzung: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH
- Prozessmoderation und pädagogische Begleitung: Tobias Heinemann, ipunct
- Weitere Mitwirkende:
- AWO Sachsen Soziale Dienste gemeinnützige GmbH – Hort Reichenberg
- Regionalverband Volkssolidarität Elbtalkreis-Meißen e. V. – Hort „Kleiner Storch“
- TSV Reichenberg-Boxdorf e. V.
- Grundschule Reichenberg (Frau Frerich)
- Kreissportbund Meißen
- Eltern der teilnehmenden Kinder
Links zu weiteren Informationen und Dokumenten
(inklusive Berichterstattung)
- Abschlussbericht Kinder-Zukunfts-Rat Moritzburg (PDF)
- Meldung auf der Gemeinde-Website zum Modellprojekt
- Projektbeschreibung auf starkermand.de
- Bericht auf buergerrat.de: Kinderstimmen für Sportplätze
- Bericht auf starkermand.de zur Übergabe der Empfehlungen
- Sächsische Zeitung: Sachsen startet mit Kinder-Zukunftsrat ein Pilotprojekt in Moritzburg
- Sächsische Zeitung: Moritzburger Kinder gestalten die Zukunft ihrer Gemeinde


