Zukunft Goldberg-Mildenitz – Räume für Engagement und Zusammenhalt im Amt Goldberg-Mildenitz
Goldberg-Mildenitz
1 Amt, 5 Gemeinden, 36 Dörfer – Die Modellregion Goldberg-Mildenitz hat ein gemeinsames Zukunftskonzept und darauf aufbauend viele bürgergetragene Projekte entwickelt, um Zusammenhalt und Mitgestaltung zu stärken. Auf drei Ebenen wurden langfristige Strukturen des Mitwirkens etabliert – austauschen, entwickeln und umsetzen. Es entstanden offene Räume, in denen über mehrere Jahre gemeinsam Ideen entwickelt und von Bürger:innen umgesetzt wurden. So entstanden 65 bürgergetragene Projekte.
Personen von links nach rechts: Kathleen Westphal, Siri Frech

Über das Projekt

Das Amt Goldberg-Mildenitz mit seinen vier Gemeinden Dobbertin, Mestlin, Neu Poserin, Techentin sowie der Stadt Goldberg ist eine Modellregion in den ländlichen Gestaltungsräumen von Mecklenburg-Vorpommern. Als Region mit besonderen demografischen Herausforderungen wurde hier durch das Land ein einzigartiger Beteiligungsprozess erprobt. Ziel war es, durch die Bürger:innen ein interkommunales Zukunftskonzept entwickeln zu lassen, das aus bürgergetragenen Projekten bestand. 

Für diesen Prozess wurde eine Beteiligungsstruktur entwickelt, die aus drei gleichwertigen und gleichzeitigen Wirkungssträngen bestand. Es entstanden parallel: 

  1. Eine langfristige Gesprächsstruktur zwischen Bevölkerung, Gemeinden und Amt (Bürgerbotschafter, lokale Räte und Mildenitzrat). 
  2. Neue Formate der Zusammenarbeit (von Küchentischgesprächen über Zukunftswerkstätten bis zu Projektschmieden), um gemeinsam konkrete Projekte zu entwickeln. 
  3. Eine langfristige Umsetzungsstruktur (das Regionalbüro). 

In 2019 startete der Beteiligungsprozess mit über 20 Küchentischgesprächen und einer amtsweiten Auftaktveranstaltung. Dazu konstituierten sich die lokalen Räte und der amtsweite Mildenitzrat, mit dem fortan alle weiteren Schritte abgestimmt wurden. Der Sommer und Herbst 2019 war geprägt von fünf Zukunftswerkstätten, in denen unterschiedliche Themen vertieft wurden und Projektideen entstanden. Diese wurden in Projektschmieden Anfang 2020 konkretisiert, und im Frühjahr 2020 wurden gemeinsam die Förderanträge an das Land erarbeitet. Im Juni 2020 kam die Zusage für die Umsetzungsgelder. Von da an bis Ende 2025 wurden von den Bürger:innen in allen Gemeinden 65 Projekte tatkräftig umgesetzt. 

Die Umsetzung aller Projekte wurde vom Regionalbüro (Bindeglied zwischen den Akteuren, Bürgermeistern, Räten und Ministerium) koordiniert. Es begleitete auch die lokalen Räte, den Mildenitzrat und die Projektschmieden weiter. 

So haben wir die 10 Grundsätze Guter Beteiligung umgesetzt:

1. Die Bereitschaft zum Dialog:

Im Amt herrschte vor 2019 hohe Frustration über die Zusammenlegung der Gemeinden 2005 und die Verluste an Arbeitsplätzen und Infrastrukturen. Dem wollte der Amtsvorsteher mit einem amtsweiten Beteiligungsprozess entgegentreten. Die Bereitschaft zum Dialog wurde schrittweise aufgebaut: Erstens durch die Überzeugung aller Bürgermeister (BM), neue Wege zu gehen (gemeinsame Entscheidung für den Beteiligungsprozess). Zweitens durch über 20 Küchentischgespräche bei Bürger:innen zu Hause zu Beginn, um zu verstehen, was die Menschen bewegt (gewohnte Atmosphäre, aktives Zuhören, alle Altersgruppen, jede Gemeinde). Drittens durch den Aufruf, „Bürgerbotschafter“ (BB) zu werden, die als Sprachrohr in beide Richtungen zwischen Dorf und Beteiligungsprozess wirkten (nach wenigen Wochen gab es über 30 BB). 

2. Die Themen, die Akteur*innen und die Rahmenbedingungen:

Beteiligungsgegenstand waren die Fragen „Wo sehen wir uns 2035? Wie wollen wir diese Entwicklung gemeinsam mit bürgergetragenen Projekten gestalten?“; es ging um die gesamte Lebenswelt der Menschen. Durch Küchentischgespräche, lokale Räte, Auftaktveranstaltung und Sprechzeiten im Regionalbüro konnten die Akteursgruppen und ihre Interessen intensiv analysiert und aktiv eingebunden werden. Es wurde eine Struktur mit lokalen Räten (je Gemeinde einer) geschaffen, in der sich Bürgerbotschafter und Interessierte trafen (und die bis heute bestehen). Zudem wurde ein amtsweiter Mildenitzrat einberufen (aus Bürgerbotschaftern, Bürgermeistern und Ministerium), der den Prozess lenkte und eng mit den Gemeinde- und Amtsvertretungen zusammenarbeitete. 

3. Klare Ziele und Mitgestaltungsmöglichkeiten:

Ziel war es, den Bürger:innen die Möglichkeit zu geben, die zukünftige Entwicklung durch bürgergetragene Projekte mitzugestalten. Als gemeinsames Ziel wurde ein Zukunftskonzept entwickelt; die konkreten Projekte wurden partizipativ erarbeitet und umgesetzt. Durch die Räte-Struktur waren die Menschen nicht nur inhaltlich bei Themen und Projekten, sondern auch strategisch auf der Prozessebene eingebunden und besuchten einen großen, genutzten Gestaltungsspielraum. 

4. Frühzeitig beginnen und alle verpflichten:

Die Rahmenbedingungen wurden mit dem Mildenitzrat entwickelt und über die Auftaktveranstaltung sowie den Regionalanzeiger „Heimatboten“ kommuniziert – einschließlich der Bereitschaft des Amtsausschusses, die Verwaltung der Fördergelder für die Projektumsetzung an das Regionalbüro und den Mildenitzrat abzugeben. Initiator war Amtsvorsteher Dirk Mittelstädt, dessen erster Schritt es war, alle Bürgermeister und den Amtsleiter von dem einstimmig beschlossenen Vorhaben zu überzeugen. Der Gestaltungsspielraum war bewusst offen gehalten; einzige Bedingung war, dass die Projekte von den Bürger:innen selbst erdacht und mitumgesetzt wurden. Als zentrale Koordinierungsstelle wurde eigens das Regionalbüro ins Leben gerufen, das nach einer gemeinsamen Verwaltungs-Werkstatt als Vermittler zwischen Bürger:innen und Verwaltung fungierte. 

5. Ausreichende Ressourcen:

Der Prozess wurde als Modellvorhaben für Ländliche GestaltungsRäume vom Ministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Tourismus und Arbeit finanziert, wodurch die professionelle Prozessbegleitung durch das Thünen-Institut ermöglicht wurde. Der partizipativ entwickelte Förderantrag (100.000 Euro im März 2021, im Juli 2023 um weitere 80.000 Euro aufgestockt) unterstützte die Umsetzung der 65 bürgergetragenen Projekte bis Ende 2025. Ergänzend wurde eine geteilte Stelle für das Regionalbüro durch NFE-Mittel finanziert, feste Öffnungszeiten gesichert und die ehrenamtliche Unterstützung durch alle Bürgermeister eingebunden. 

6. Vielfältige Mitwirkung:

Die amtsübergreifende Mitwirkung reichte von der Teilnahme an der Auftaktwerkstatt, dem Einreichen von Projektideen in den Projektpool, der Mitgliedschaft im Mildenitzrat und dem Besuch des Regionalbüros bis zur Mitarbeit in fünf thematischen Projektschmieden. Lokal vor Ort gab es Küchentischgespräche, die Rolle der Bürgerbotschafter, lokale Räte, je eine Zukunftswerkstatt in den Gemeinden (5 insgesamt), Bürspaziergänge und die Umsetzung eigener Bürgerprojekte. Spezielle Ansprachen richteten sich über den Amtsjugendpfleger an Jugendliche sowie durch Küchentischgespräche an schwer erreichbare Gruppen (z. B. alleinerziehende Mütter, mobilitätseingeschränkte Personen). Die breitgefächerte Kommunikation erfolgte per persönlicher Einladung, „Heimatboten“, Mailverteiler, Bürgerbotschafter, Social Media und Schaukästen. 

7. Gemeinsame Verständigung auf Verfahrensregeln:

Es gab zwei Verfahrensabschnitte: Erstens die gemeinsame Ideen- und Zukunftskonzeptentwicklung (18 Monate), deren Regeln mit Unterstützung des Thünen-Instituts im Mildenitzrat gemeinschaftlich beschlossen und kommuniziert wurden (Ergebnis: Leitfaden/Zukunftsbild). Zweitens die gemeinsame Umsetzung (über 4 Jahre), deren Regeln (Antragstellung, Zuordnung, Unterstützung durch Regionalbüro, Räte-Abstimmung und Veröffentlichung) vom Regionalbüro entwickelt und ebenfalls mit dem Mildenitzrat abgestimmt wurden. 

8. Sorgfältige und kompetente Prozessgestaltung:

Die Prozessgestaltung der ersten Phase erfolgte gemeinschaftlich unter Projektleitung von Siri Frech (Thünen-Institut für Regionalentwicklung), in enger Abstimmung mit dem Regionalbüro, das lokales Wissen und Verwaltungsabläufe einbrachte. So konnte das Regionalbüro nach erfolgreichem Wissenstransfer die Prozessgestaltung für die zweite Phase eigenständig übernehmen und umsetzen. 

9. Transparenz und verlässlicher Informationsaustausch:

Transparenz wurde durch ständige Information über Mailverteiler an alle lokalen Räte, Projektschmieden und Bürgerbotschafter, Wandzeitungen/Aushänge bei Werkstätten, die eigene Rubrik „Das Regionalbüro informiert“ im Heimatboten, einen Social Media Kanal sowie die ausführliche Amtswebseite (mit Umsetzungsplan, Projektübersicht und Projektpool) garantiert.

10. Lernen aus Erfahrung:

Das Lernen aus Erfahrung fand mehrschichtig statt: Jede Werkstatt wurde mit dem Regionalbüro und dem Mildenitzrat ausgewertet und angepasst. Trotz der Unterbrechungen durch die Corona-Pandemie wurde versucht, mit digitalen Abstimmungen den Faden nicht abreißen zu lassen, was in die spätere Umsetzungskultur einfloss. Zudem wurden die Bürger:innen im Laufe der Zeit immer mutiger; komplexere Projekte wie die Umnutzung einer leerstehenden Drogeriefiliale für Indoor-Flohmärkte, Geselligkeitsabende und Vereinsfeiern wurden zur Normalität. Eine Evaluation der Umsetzungsphase ist in Planung. 

Angaben zu Mitwirkenden
(Dienstleister, Moderation, Planungsbüros, Partner…)

  • Initiator: Amtsvorsteher Dirk Mittelstädt 
  • Dienstleister Beteiligungsprozess (1. Phase 2019–2020): Thünen-Institut für Regionalentwicklung (Projektleitung Siri Frech, zudem Andreas Willisch, Steffen Klotz) 
  • Begleitung Umsetzungsprozess (2. Phase 2020–2025) / Regionalbüro: Kathleen Westphal, Tanja Henschel-Blank 

Links zu weiteren Informationen und Dokumenten
(inklusive Berichterstattung)